In ihrer Dissertation untersucht Regina Brandhuber den Übertrag von Vorgehensweisen aus der agilen Softwareentwicklung auf das musikalische Üben. Ausgangspunkt der Forschung ist die Beobachtung, dass traditionelle Übepraktiken im Musikstudium in Laboratoriumsatmosphären (vgl. Mahlert 2006b, S. 15), die für Einzelpersonen (vgl. Mahlert 2006b, S. 9) bisweilen moralisierend (vgl. ebd., S. 9), leistungsorientiert (vgl. Stockmann 2022, S. 28 f.) und formalisiert (vgl. Röbke 2009, S. 23 ff.) angelegt sind, während Aspekte wie Selbstorganisation, Reflexion, iterative Lernprozesse und kollektive Bildung nur unzureichend systematisch berücksichtigt werden. Vor diesem Hintergrund verfolgt die Arbeit das Ziel, ein theoretisch fundiertes und empirisch erprobtes Lernwerkzeug zu entwickeln, das musikalisches Üben als entwicklungs- und erfahrungsorientierten Lernprozess neu rahmt.
Zentraler Gegenstand der Untersuchung ist die User Story aus der Softwareentwicklung, die über mehrere bedeutsame Entwicklungsstadien der Aktionsforschung hinweg bis hin zur so benannten Growth Story, einer kleinteiligen, handlungsleitenden Struktureinheit für das Üben, aufbereitet wird. Entscheidend ist dabei inhaltliche wie auch formale Zugänge für Musikstudierende zum Wissen und zu Praktiken der agilen Softwareentwicklung bereitzustellen.
Die Arbeit fragt zusätzlich, inwiefern Growth Stories und ihre Entwicklungsstadien dazu beitragen können, musikalische Lernprozesse bewusster zu strukturieren, individuelle Zielsetzungen zu klären und künstlerischen Fortschritt als dynamischen, reflexiven Prozess zu gestalten.
Methodisch basiert ihre Dissertation auf einem partizipativen Aktionsforschungsansatz, der Theorieentwicklung, praktische Erprobung und systematische Reflexion miteinander verschränkt. In drei Forschungszyklen werden die Ergebnisse gemeinsam mit Studierenden ko-kreativ erarbeitet, im musikalischen Übealltag erprobt und fortlaufend weiterentwickelt. Datengrundlage bilden u. a. Reflexionsformate der Studierenden, Übepläne, Verwendungsformen der Übewerkzeuge, sowie qualitative Rückmeldungen aus der Lehrpraxis. Auf diese Weise wird die Perspektive der Lernenden explizit in den Forschungsprozess integriert.
Die Ergebnisse der Arbeit zeigen, dass agile Vorgehensweisen im musikalischen Üben insbesondere die Selbstorganisation, Zielklarheit und Reflexionsfähigkeit der Studierenden stärken können. Darüber hinaus wird deutlich, dass durch die Arbeit mit Growth Stories und ihren Entwicklungsstadien ein veränderter Umgang mit Fehlern, Zeitstrukturen und Leistungsanforderungen entsteht, der künstlerische Reifung nicht als linearen Optimierungsprozess, sondern als offenen Lernprozess begreift. Die Dissertation leistet damit einen Beitrag zur Weiterentwicklung musikpädagogischer Übekonzepte und eröffnet Anschlussmöglichkeiten sowohl für die Hochschullehre als auch für weiterführende Forschung zur Lernkultur im künstlerischen Kontext.
